Augenblicke der Besinnung

Gott, du liebst uns.
Getauft im Heiligen Geist
haben wir für immer Christus empfangen.
Und du sagst zu jedem von uns:
Du bist mein ein und alles,
in dir finde ich meine Freude.

Frère Roger













Kreuzweg

Erste Station:

JESUS WIRD ZUM TOD VERURTEILT

V: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich.
A: Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Als es Morgen wurde, fassten die Hohenpriester und Ältesten gemeinsam den Beschluss, Jesus hinrichten zu lassen. Sie ließen ihn fesseln und abführen und lieferten ihn dem Statthalter Pilatus aus.
Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, ließ ihm seine Frau sagen: Lass die Hände von diesem Mann, er ist unschuldig. Ich hatte seinetwegen heute Nacht einen schrecklichen Traum. (Mt 27, 1 - 2 . 19)
Bei der ersten Kreuzwegstation konzentrieren wir uns meist nur auf Pilatus, der den schuldlosen Jesus verurteilt. Wenn jedoch auch die Frau des römischen Statthalters erwähnt wird, kann uns das an jene Menschen erinnern, die zu allen Zeiten warnend ihre Stimme gegen das Unrecht erheben und doch kein Gehör finden. Auch wir schwanken oft zwischen Angst und Mut, Anpassung und Protest. Wo fälle ich leichtfertig Urteile, wo ist mein Widerstand gegen lieblose und falsche Urteile nicht entschieden genug?
Jesus, auch ich bin mitschuldig, wenn andere verurteilt werden oder Vorurteilen ausgesetzt sind. Mein Engagement hört da auf, wo es unangenehm wird für mich. Dann bin ich nur zu leicht bereit, den Rückzug anzutreten und faule Kompromisse zu schließen. Auch ich urteile und verurteile häufig lieber, als mich um einfühlendes Verstehen zu bemühen. Hol mich vom Richterstuhl herunter, damit ich dir und den Menschen in neuer Weise begegnen kann. Amen

V: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir
A: und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.

Zweite Station:

JESUS NIMMT DAS KREUZ AUF SEINE SCHULTERN

V: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich.
A: Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Nachdem sie ihren Spott mit ihm getrieben hatten, nahmen sie ihm den Purpurmantel ab und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an. Dann führten sie Jesus hinaus, um ihn zu kreuzigen. (Mk 15, 20)

Das Kreuz, das Jesus auf sich nimmt, ist Ausdruck dafür, wie Lebensschicksale durchkreuzt werden, wenn Wege anders verlaufen als erhofft und geplant... Auch Jesus ist das „Ja“ zum Kreuz nicht leichtgefallen, aber er lässt sich darauf ein, weil Gott dadurch zeigt, wie er für die Menschen bis ins Äußerste gehen will. Seine Liebe bewahrt nicht vor dem Leid, aber sie bewährt sich darin. Von Edith Stein (1891 - 1942), die in der Nachfolge Jesu selber den Leidensweg bis ans Ende gegangen ist, stammt der Satz: „Gott nimmt uns die Lasten nicht ab, aber er stärkt unsere Schultern.“

Jesus, wir bitten für alle Menschen, deren Lebenserwartung durchkreuzt wurde: für unheilbar Kranke, für Behinderte, für jene, die mit einem leeren Platz an der Seite leben müssen, für alle, deren Dasein oft kaum mehr Sinn zu enthalten scheint. Deine Liebe ist leidensfähig - lass uns hier und jetzt etwas davon spüren und erst recht dann, wenn auch in unserem Leben etwas durcheinanderkommt. Amen.

V: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir
A: und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
 

Dritte Station:

JESUS FÄLLT ZUM ERSTEN MAL UNTER DEM KREUZ

V: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich.
A: Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus und versammelten die ganze Kohorte um ihn. Und sie spuckten ihn an und schlugen ihn mit dem Stock. (Mt 27, 27. 30)

Bei dieser Station ist es vielleicht wichtig, einmal auf die „Randfiguren“ zu schauen: Die Soldaten haben das Urteil zwar nicht gefällt, aber sie sind Vollstreckungshelfer. Heute gibt es moderne Vollstreckungshelfer, die davon profitieren, wenn Menschen zu Fall kommen: Etwa Sensationsjournalismus oder Gewaltverherrlichung in manchen Medien. Oft sind im Lauf der Geschichte brutale Grausamkeiten auch mit dem Satz gerechtfertigt worden: „Ich habe doch nur meine Pflicht getan“. Wo bemerke ich gar nicht mehr, dass ich oft im Alltag solche scheinbar harmlosen Ausreden gebrauche - Vollstreckungshilfe bei Gewalttätigkeit beginnt nicht erst bei physischer Brutalität, sondern schon dort, wo wir einander mundtot machen und mit Worten einschüchtern, die mehr schmerzen können als Schläge.
Jesus, hilf mir, wahrzunehmen, wo Menschen um mich herum gedrückt und niedergeschlagen sind. Lass nicht zu, dass ich Standpunkte im Leben einnehme, die für andere nur belastend wirken und sie einengen. Bewahre mich auch davor, andere mit Worten zu erschlagen und mundtot zu machen. Gib mir die Weite deines Geistes. Amen.

V: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir
A: und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
 

Vierte Station:

JESUS BEGEGNET SEINER MUTTER

V: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich.
A: Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Simeon sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen. (Lk 2, 34 - 35)

Maria begegnet uns an mehreren Stationen des Kreuzweges. Ihre Sendung verdichtet sich darin nochmals ganz eindrucksvoll: Maria muss erkennen, dass ihr Sohn Wege geht, die ihr Begreifen übersteigen - aber sie geht diese Wege mit, bis unter das Kreuz. Wo das Be-greifen endet, kann man sich nur noch von Gottes Wort er-greifen lassen - im Vertrauen darauf, dass Gott sich beim Wort nehmen lässt. Maria macht uns durch ihr Verhalten Mut dazu. „Wir gehen nie allein- Gott geht alle Wege mit“ - dieses Wort von P. Alfred Delp (1907 - 1945) zeichnet die Einstellung Marias und kann auch uns Mut machen.
Jesus, lass mich aus dem Glauben heraus offen sein für Gott und die Menschen. Maria, deine Mutter, macht uns Mut dazu. Ihre Bereitschaft, auch in Schwierigkeiten Gottes Wege mitzugehen, kann uns helfen, wieder neu dem Leben zu trauen - weil du es mit uns lebst. Amen.

V: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir
A: und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
 

Fünfte Station:

SIMON VON ZYRENE HILFT JESUS DAS KREUZ TRAGEN

V: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich.
A: Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Einen Mann, der gerade vom Feld kam, Simon von Zyrene, den Vater des Alexander und des Rufus, zwangen sie, das Kreuz zu tragen. Und sie brachten Jesus an einen Ort namens Golgota, das heißt übersetzt: Schädelhöhe. (Mk 15, 21 - 22)

Das fünfte Stationsbild zeigt Simon, wie er das Kreuz mitträgt. Man kann darin einen Hinweis sehen, wie wichtig Jesus menschliches Mittragen nimmt. Aber wie sieht diese Hilfe beim näheren Hinschauen aus? Sie ist zunächst geprägt von äußerem Zwang und muss Widerwillen überwinden. Steht Simon für meine Einstellung zum Glauben, der immer noch viel zu oft als bloße Dienstverpflichtung, als Belastung oder gar als Zwang gesehen wird?
Kann ich mich auf überraschende Situationen einlassen, die ich mir nicht aussuchen konnte, in denen aber meine Hilfe gefordert ist? Kann ich es in dem Wissen, dass Jesus mir zutraut, dabei seine Sendung sichtbar zu machen? Wo lebe ich in dieser seltsamen Verspanntheit von Bereitschaft und Widerwillen?
Jesus, oft sind wir gezwungen, die Lasten anderer mitzutragen: in Ehe, Familie, im Beruf... Du mutest uns - wie Simon - mitunter auch zu, für Fremde einzustehen. Hilf mir, Reserviertheit und Widerwillen zu überwinden. Mach mich stark genug, anderen Lasten tragen zu helfen, statt sie durch mein Verhalten zu belasten. Amen.

V: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir
A: und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
 

Sechste Station:

VERONIKA REICHT JESUS DAS SCHWEISSTUCH

V: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich.
A: Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Vernimm, o Herr, mein lautes Rufen; sei mir gnädig und erhöre mich! Mein Herz denkt an dein Wort: Sucht mein Angesicht. Dein Angesicht, Herr, will ich suchen, verbirg nicht dein Gesicht vor mir! (Ps 27, 7 - 9a)

Veronika steht für all jene Menschen, die der Eingebung ihres Herzen folgen und spontan helfen, auch wenn die Situation aussichtslos wirkt. Ihre Geste, dem zum Tod verurteilten Jesus ein Tuch hinzuhalten, wirkt zunächst wie ein Akt rührender Hilflosigkeit. Aber der scheinbar geringe Dienst, den sie Jesus erweist, wird zum Abbild seiner Zuwendung: Wenn die Überlieferung im Schweißtuch der Veronika die Gesichtszüge Jesu sieht, will sie damit sagen: Das wahre Gesicht Jesu erkenne ich nicht in theoretischen Überlegungen, sondern in praktischer Hilfe. In der aussichtslosen Lage des zum Tod Verurteilten ergibt sich in Wirklichkeit eine neue Ansicht Gottes: Wer sich erniedrigten Menschen zuwendet, der lernt Gott auf neue Weise kennen, weil er selbst in Jesus bis in die äußerste Erniedrigung gegangen ist. Die Gestalt Veronikas hat in mir die Überzeugung gefestigt: Jesu Gesicht wird erkennbar, wenn ich in die Begegnung mit hilflosen Menschen meine oft begrenzten Mittel und bescheidenen Möglichkeiten einbringe. Ich darf darauf vertrauen, dass Jesus diese oft hilflosen Gesten zu Erkennungszeichen seiner Wirklichkeit, seiner liebenden Nähe macht. Denn für ihn ist nichts zu gering.
Jesus, du hast uns mit dem Wort ermutigt: Was ihr für einen von den Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan. In der helfenden Zuwendung und sei sie noch so unauffällig, werden deine Wesenszüge erkennbar. Lass mich in jedem Menschen dich erkennen, auch in jenen, wo es mir schwerfällt, dein Abbild wahrzunehmen. Gib mir den Mut zum Dienst im Kleinen und ein waches Gespür, worauf es ankommt, wenn du kommst!

V: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir
A: und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
 

Siebte Station:

JESUS FÄLLT ZUM ZWEITEN MAL UNTER DEM KREUZ

V: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich.
A: Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Ich bin in tiefem Schlamm versunken und habe keinen Halt mehr; ich geriet in tiefes Wasser, die Strömung reißt mich fort.
Ich bin müde vom Rufen, meine Kehle ist heiser. Zahlreich sind meine Verderber, meine verlogenen Feinde. (Ps 69, 3 - 5)

Auch dieses Kreuzwegbild wirkt erschreckend: Jesus fällt erneut; die Soldaten stoßen ihn noch tiefer zu Boden, anstatt ihn aufzurichten.
Wie weit kann menschlicher Hass gehen? Bis dahin, dass Wehrlose beschossen und mutwillig getötet werden, wie in vielen Krisengebieten unserer Zeit?
Aber habe ich überhaupt das Recht, auf andere zu zeigen? Gibt es nicht in meinem Leben Methoden unauffälliger Vernichtung, an die wir uns längst gewöhnt haben?
Wo stoße ich Wehrlose in den Schmutz - durch Vorurteile, mit hämischen Bemerkungen oder Gerüchten? Bin ich mir bewusst, dass ich damit auch Jesus treffe?
Jesus, wenn einer versagt hat, auf der Strecke geblieben ist und nicht mehr weiter kann - dann gib mir Mut zum Aufrichten. Gib mir das Vertrauen, dass dem, der zum Helfen bereit ist, selbst Kraft und Hilfe durch dich geschenkt wird. Amen.

V: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir
A: und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
 

Achte Station:

JESUS BEGEGNET DEN WEINENDEN FRAUEN

V: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich.
A: Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Es folgte eine große Menschenmenge, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen und sagte: Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich, weint über euch und eure Kinder! (Lk 23, 27 - 28)

Die Szene ist zwiespältig. Warum weist Jesus die Frauen zurecht, die doch aufrichtiges Mitleid mit ihm haben?
Gewiss, es ist schon viel, wenn das Leid anderer unser Mitgefühl weckt. Aber Mitleid empfinden ist noch nicht unbedingt wirkliches Mitleiden, das Konsequenzen hat und mich im Inneren verändert. Es geht um mehr als bloßes Betroffensein. Die Frauen von Jerusalem leiden wegen Jesus, aber nicht wirklich mit ihm. Tränen sind kein Ersatz für Glaube und Nachfolge. Mit-leiden mit Jesus erfordert Selbsterkenntnis, Eingestehen von Mitschuld an eigenem wie fremdem Leid und die Bereitschaft zur ständigen Kurskorrektur. Bin ich dazu bereit?
Jesus, lass mich erkennen, was Not tut. Lass mich nicht einfach über Leid klagen, sondern schenke mir im Mit-leiden die Erkenntnis, wo ich durch mein Verhalten Gemeinschaft gefährde.
Bewahre mich vor einem Glauben, der sich im momentanen Gefühlen ergeht, aber zu echter Nachfolge nicht fähig ist. Gib, dass mein Mit-fühlen zum Mit-leiden und mein Mit-leiden zum Mit-gehen wird. Amen.

V: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir
A: und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
 

Neunte Station:

JESUS FÄLLT ZUM DRITTEN MAL UNTER DEM KREUZ

V: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich.
A: Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet. Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf: Er wälze seine Last auf den Herrn, der soll ihn befreien. (Ps 22, 7 - 9)

Wer im Leben immer wieder fällt und versagt, ist irgendwann ganz unten und riskiert es, dass er keinen mehr hat, der ihm auf die Beine hilft. Der Gedanke liegt nahe: Es hat ja doch keinen Sinn!
Auch Jesus wirkt in dieser Szene wie erdrückt von dem übermächtigen Kreuz, das ihn zum wiederholten Mal niedergestreckt hat.
Aber steckt in diesem Fallen Jesu nicht auch ein Hinweis auf die Solidarität Gottes mit denen, die am Boden zerstört sind, die immer wieder ins Schleudern kommen? Wenn Jesus gleich mehrfach am Boden liegt, begibt er sich auf die gleiche Ebene mit denen, die von anderen - und vielleicht sogar von sich selbst - aufgegeben sind. Gott will in Jesus auch an solchen Menschen dranbleiben. Seine Wege führen so tief hinunter, wie wir es uns nie ausdenken könnten.
Jesus, die wiederholte Darstellung deines Fallens provoziert uns. Es zeigt sich, wie wenig du in unser Denken passt. Wo wir geneigt sind, über Menschen, die ständig versagen, das Urteil „vergeblich“ zu sprechen, hast du noch das Wort der Vergebung.
Wir brauchen ein neues Denken, dass ich am Maßstab deiner Liebe orientiert, die Gefallene nicht allein lässt. Lass uns auch selbst diese Hilfe erfahren, die uns das Gefühl nimmt, am Ende zu sein, wenn wir immer wieder unsere Schwäche spüren. Amen.

V: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir
A: und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
 

Zehnte Station:

JESUS WIRD SEINER KLEIDER BERAUBT

V: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich.
A: Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Die Soldaten warfen das Los und verteilten seine Kleider unter sich. Die Leute standen dabei und schauten zu; auch die führenden Männer des Volkes verlachten ihn und sagten: Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist. (Lk 23, 34 - 35)

Jemanden bloßstellen ist eine der schlimmsten Formen der Erniedrigung. Da wird die persönliche Ehre als häufig letzter Schutz vernichtet. Unsere Zeit hat viele Formen der Entblößung entwickelt: von der Rufmordkampagne bis zum verletzenden Eindringen in die Intimsphäre. Aber genügt bloße Entrüstung über solche Tendenzen?
Wo mache ich mich mitschuldig, indem ich Menschen um ihren guten Ruf bringe, mich aus Sensationslust oder Neugier in den Bereich des Persönlichen dränge?
Jesus, in deiner Entblößung liegt nicht nur Ohnmacht gegenüber brutaler Gewalt. In dieser Bloßstellung verwirklichst du auf unbegreifliche Weise Gemeinschaft mit all denen, die sich nicht wehren können, wenn sie in ihrer Persönlichkeit vernichtend getroffen werden, weil man ihnen Schutz und Ehre nimmt. Lass uns wachsam sein - in unserer Umgebung und gegen uns selbst. Amen.

V: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir
A: und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
 

Elfte Station:

JESUS WIRD ANS KREUZ GENAGELT

V: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich.
A: Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Sie kamen zur Schädelhöhe; dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den anderen links. Jesus aber betete: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. (Lk 23, 33 - 34)

Es gibt so viele Angenagelte: Menschen, die ans Bett gefesselt sind oder auf Intensivstationen an Schläuchen hängen. Festgenagelt sind aber auch jene, die sich nicht mehr aus Denkschablonen anderer befreien können. Lähmen und festnageln können uns auch Ängste, Befürchtungen, Abhängigkeiten, unter denen wir leiden. Jeder kennt solche Momente, wo er nichts mehr tun kann, wo ihm die Hände gebunden sind, wo er sich wie gelähmt fühlt. Man kann diese Station aber auch so deuten: Jesus lässt sich festmachen am Leid der Welt und am Elend der Menschen; er macht angesichts des Todes keinen Rückzieher, sondern zeigt, wie weit Gottes Treue geht.
Jesus, lass mich daran denken, dass du vor dem menschlichen Elend nicht zurückgewichen bist, als es tod-ernst wurde. Lass dieses Wissen in mir wirksam werden, wenn ich unter der Enge meines Lebens leide, wenn ich mich festgelegt fühle oder andere durch mein Verhalten einenge. Auch für mich wird einmal die Zeit kommen, da ich nichts mehr tun kann. Lass mich dann spüren, dass du bei mir bist und dich auf mein Leben einlässt. Amen.

V: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir
A: und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
 

Zwölfte Station:

JESUS STIRBT AM KREUZ

V: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich.
A: Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. (Joh 19, 25 - 27)

In dieser Szene verdichtet sich ganz Entscheidendes. Im Moment größter Einsamkeit, im Tod, wo jeder auf sich selbst zurückgeworfen ist, gelingt es Jesus nochmals, Gemeinschaft herzustellen, indem er seine Mutter dem Freund anvertraut. Darin liegt der Hinweis, dass gerade im Sterben Jesu, in der Lebenshingabe bis ins Äußerste, Gemeinschaft nicht zerstört, sondern neu eröffnet wird. Gottes Liebe lässt sich auch in der äußersten Bedrohung nicht verdrängen. Dies nimmt dem Tod nichts von seinem Schrecken, aber in dieser Gemeinschaftsinitiative am Kreuz eröffnet sich bereits eine ganz neue Lebensperspektive: Menschliche Gemeinschaft im Leid, wie sie zwischen Maria und Johannes unter dem Kreuz Jesu deutlich wird, ist immer schon - wenn auch oft verborgen - ein Wahrzeichen für die unzerstörbare Liebe Gottes.
Jesus, was den Tod so schlimm macht, ist die Einsamkeit des Sterbens - jeder muss diesen Weg für sich allein gehen. Du hast uns gezeigt, dass in dieser äußersten Bewährungsprobe Gemeinschaft möglich ist - mit Gott und unter Menschen, auch wenn uns dies unbegreiflich vorkommt.

Diese Erfahrung macht mir Mut, dich zu bitten:
Für alle, die eines gewaltsamen Todes sterben, für die Ungeborenen, die im Mutterleib getötet wurden, für die Opfer des Verkehrs und von Naturkatastrophen, für jene, die durch Hunger und Krieg umgekommen sind. Schenke ihnen jene Gemeinschaft mit dir, die niemals endet. Amen.

V: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir
A: und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
 

Dreizehnte Station:

JESUS WIRD VOM KREUZ ABGENOMMEN

V: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich.
A: Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Weil Rüsttag war und die Körper während des Sabbats nicht am Kreuz bleiben sollten, baten die Juden Pilatus, man möge den Gekreuzigten die Beine zerschlagen und ihre Leichen dann abnehmen; denn dieser Sabbat war ein großer Feiertag. Also kamen die Soldaten und zerschlugen dem ersten die Beine, dann dem anderen, der mit ihm gekreuzigt worden war. Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus. (Joh 19, 31 - 34)

Ein häufig gebrauchter Gedanke aus der Frühzeit des Glaubens sieht die Entstehung der Kirche in der Seitenwunde Jesu. Dieses scheinbar ferne Bild bekommt brennende Aktualität, wenn man auf die vielen Verwundungen unserer Zeit schaut - auf die Wunden der Kriege genauso wie auf die seelischen Verletzungen, die sich Menschen zufügen.
Ist es nicht eigenartig, wenn die Kirche von ihrem Ursprung her bleibend auf einen Verwundeten verwiesen ist? Verwundungen können empfindlich und wehleidig machen, sie können aber auch zu stärkerer Empfindsamkeit und größerer Reifung beitragen. Anders gesagt: Die Kirche wird immer mit ihren „wunden Punkten“ zu tun haben - aber wenn der Glaube dadurch offen und wahrnehmungsfähig wird, wirken solche Verletzungen nicht mehr lähmend - sie befreien zu neuer Zuwendung.
Jesus, die Erwähnung der gebrochenen Beine steht für die vielen zerschlagenen Hoffnungen. Solche Erfahrungen können lähmend sein und unbeweglich machen.
Aber das Bild deiner Wunden steht für eine neue Offenheit in allen Verletzungen, die wir uns zufügen, steht für eine Wirklichkeit, die Leid nicht verdrängt, sondern verwandelt. Mach auch mein Leben offen für diese Erfahrung. Amen.

V: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir
A: und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
 

Vierzehnte Station:

DER LEICHNAM JESU WIRD INS GRAB GELEGT

V: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich.
A: Denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Damals gehörte zu den Mitgliedern des Hohen Rates ein Mann namens Josef, der aus der jüdischen Stadt Arimathäa stammte. Er ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Und er nahm ihn vom Kreuz, hüllte ihn in ein Leinentuch und legte ihn in ein Felsengrab, in dem noch niemand bestattet worden war. Die Frauen, die mit Jesus aus Galiläa gekommen waren, gaben ihm das Geleit und sahen zu, wie der Leichnam in das Grab gelegt wurde. (Lk 23, 50 – 53. 55)

Das letzte Kreuzwegbild drückt nicht nur Trauer aus, sondern vermittelt wieder eine Vorahnung der Ostererfahrung. Die Grablegung Jesu verweist uns auf das Wort aus dem Neuen Testament: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (Joh 12,24). Damit verbindet sich die Überzeugung des Glaubens, dass Jesu Tod nicht einfach Scheitern und Ende, sondern Durchgang zu einem neuen Leben bedeutet, das für immer in Gott geborgen ist.
Jesus, dein Grab wurde vom Ort der Trauer zum Zeichen der Hoffnung. Lass auch uns etwas davon erahnen, dass der Tod die Tür zu einem neuen Leben sein kann, der Zugang zur ewigen Gemeinschaft in dir. Hilf uns, aus dieser Erfahrung unser Leben zu gestalten – jetzt und in der Stunde unseres Sterbens. Amen.

V: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir
A: und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
Abschlussgebet:

Herr Jesus Christus! Dein Kreuzweg erinnert uns daran, dass du unsere Wege mitgehst – die geraden und krummen, die leichten und schwierigen, die zielführenden und die, auf denen uns die Orientierung fehlt. Wir danken dir, dass du bei uns bist – heute und alle Tage bis in Ewigkeit. Amen.

Kreuzweg als pdf