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1. Juli 2016
Augenblicke der Besinnung

Von keinem Menschen können wir erwarten,
daß er nie einen Fehler begeht,
nie ein ungerechtes Urteil abgibt,
nie kurzsichtig, einseitig, egoistisch handelt.
Aber wenn wir wissen,
daß ein Mensch Unrecht einsehen,
sich selbst Unrecht geben kann
und wenn wir wissen,
daß er sich zu korrigieren,
von sich Abstand zu nehmen,
um Verzeihung zu bitten vermag:
dann können wir ihm vertrauen
und dann kann Gemeinschaft mit ihm
gewagt werden.

Joseph Ratzinger - Papst Benedikt XVI.

 
















Predigt H.H. Diözesanbischof Wilhelm Schraml


Im Wortlaut die Predigt von Bischof Schraml am Fest Maria Himmelfahrt Altötting 2011

Das Magnificat, dieser wunderbare Lobgesang der Gottesmutter, passt im Munde Mariens eigentlich besser zum Festgeheimnis des heutigen Tages als an den Anfang ihres Weges mit Jesus. Das Magnificat ist eher ein Finale als eine Ouvertüre in ihrem Leben, weil es all das zusammenfasst, was Gott an ihr Großes getan hat – angefangen von ihrer Geburt bis zur Vollendung in der Herrlichkeit des Himmels, in der sie als Erste der Erlösten mit Leib und Seele aufgenommen wurde.

Heute dürfen wir Maria schauen als die Vollendete. Und so kennen wir sie auch von den zahlreichen Bildern: Der Sohn überreicht der Mutter die Krone im Anblick des Vaters, überschattet vom Heiligen Geist, umgeben von der Schar der Engel und Heiligen. So lieben wir Maria und so besingen wir sie in Worten und Liedern: „Wunderschön prächtige, hohe und mächtige, liebreich holdselige, himmlische Frau.“

Alle diese Bilder dürfen wir nicht falsch verstehen. Wir dürfen Maria nicht herauslösen aus dem Zusammenhang des göttliches Heilsplanes und der göttlichen Heilsgeheimnisse. Immer ist Gott allein der Handelnde. Er hat das Werk der Erlösung in ihr begonnen und hat sie vom ersten Augenblick ihres Lebens bewahrt von der Erbschuld und von jedem Makel der Sünde. Er hat das Werk der Erlösung in ihr auch vollendet. Und er lässt  Maria teilhaben an seiner ewigen Herrlichkeit. Wenn wir deshalb mit Maria in das Magnificat einstimmen, dann singen wir mit ihr zusammen das Loblied auf den dreifaltigen Gott, der Großes getan hat an ihr, der demütigen Magd.

Aber nun könnte man fragen: Rückt der heutige Festtag Maria für uns nicht in eine weite, unerreichbare Ferne? Die Menschen von heute leben doch in einer ganz anderen gesellschaftlichen und kulturellen Situation, als dass wir in Krone und Zepter erstrebenswerte Ziele erblicken könnten.

Unsere Zeit ist heute geprägt vom Kampf um eine Freiheit, die sich nicht mehr gebunden weiß an die Ordnung Gottes, sondern längst entartet ist in hemmungslose Zügellosigkeit, in zerstörenden Egoismus und oft genug in eine geradezu unglaubliche Perversität. Die Würde der menschlichen Person ist zum Spielball menschlicher Laune und Triebhaftigkeit degradiert worden. Dabei ist uns allen klar, dass die Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben in all seinen Phasen um die Ordnung, die Gott für das Zusammenleben der Menschen grundgelegt hat, die Schicksalsfrage unseres Volkes bedeutet.

Im Blick auf Maria finden wir Antwort auf so viele Fragen und Erwartungen, die uns heute in unserer ganzen Existenz bedrängen und bedrohen. Bei ihr wird uns deutlich, wie Gott uns Menschen von Anfang an gedacht hat und zu welcher Größe er uns erwählt hat.

Gott will wie bei Maria unsere Freiheit, aber er will sie eingebunden wissen in der Liebe zu ihm und zu unseren Mitmenschen.
Gott will wie bei Maria unsere volle Mitverantwortung am Heilswerk Jesu Christi, aber er will nicht menschliche Klügelei und Besserwisserei zur Richtschnur unseres Handelns und Denkens.
Gott will wie bei Maria die Tapferkeit im Durchstehen der Leiden und Prüfungen, weil auch wir begreifen müssen, dass der Mensch nicht durch ein Machtwort Gottes, sondern durch den Kreuzestod Christi erlöst worden ist.
Gott will wie bei Maria unsere weltoffene und Welt zugewandte Gesinnung; aber er will auch, dass unser Dienst an der Welt ausgerichtet ist an der Gesinnung Jesu, an seinem Evangelium und an den Geboten Gottes.

Das heutige Evangelium zeigt uns Maria in ihrer mitmenschlichen Haltung bei der Begrüßung Elisabeths. Sie steht, wie wir alle, immer im Anfang, aber mitten in der Welt. Sie wagt diesen Anfang im gläubigen Vertrauen, weil sie weiß, dass der Mächtige sie gnadenhaft erwählt hat; weil sie weiß, dass er das Begonnene auch beenden wird. „Selig bist du, Maria, weil du geglaubt hast!“

Aus dem Evangelium wissen wir, dass die Gottesmutter alle Krisen und Prüfungen des Glaubens miterleben und miterleiden musste. Erst langsam ist sie hineingewachsen durch Enttäuschungen und Leiden in die Vollendung. Sie hat dazu ein ganzes Leben gebraucht. Und erst im Tod geschahen ihr jene Vollendungen in der Herrlichkeit des Himmels, von der das Fest heute spricht.

So war Maria immer eine glaubende, eine fragende und eine ringende Frau. Aber sie vertraute darauf, dass Gott, der ihr diese große Aufgabe im Heilswerk ihres Sohnes zugedacht hat, sie nicht allein lässt. Sie vertraute darauf, dass er bei ihr ist als ihr treuester Wegbegleiter, auch und gerade, wenn sie seine Pläne oft nicht begreifen konnte.

Dieses Lebenszeugnis Mariens und ihre Verherrlichung will uns an diesem heutigen Festtag Ansporn und Hoffnung sein. Wenn uns das Leben manchmal schwer wird, wenn wir manchmal nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll, dann sagt sie uns:
Du Mensch, du bist von Gott berufen und auserwählt. Habe Mut und wage dein Leben im gläubigen Vertrauen darauf, dass Gott bei dir ist und bleibt. Aber wage dein Leben nicht mit einem halben Herzen, sondern gib dich ganz hinein in die große Aufgabe, die Gott dir in deinem Leben zugedacht hat, wo immer du auch stehst.
In einem Sprichwort heißt es: „Ein halbes Opfer blutet, nur ein ganzes Opfer verlangt.“

Und wenn wir in Krisen und Konflikten leben und oft keine Antwort mehr wissen auf die vielen Nöte unseres Lebens, dann sagt uns Maria:
Auch ich war ein fragender und ringender Mensch, als ich in der eigenen Familie meinen Sohn nicht mehr verstand und als am Karfreitag unter dem Kreuz meines Sohnes alles über mir zusammengebrochen ist. Aber ich habe durchgehalten und habe meine ganze Hoffnung auf den gesetzt, der mich gerufen hat, teilzunehmen am Heilswerk seines Sohnes. Gott war mein einziger Halt, meine einzige Stütze. Immer habe ich erfahren, dass er auf die Niedrigkeit seiner Magd schaut.
So ist Maria, wie wir im Tagesgebet der hl. Messe gesprochen haben, für uns, die wir noch leben in diesem Tal der Tränen, in Wahrheit „Zeichen der Hoffnung und des Trostes, damit wir auf dem Weg bleiben, der hinführt zur Herrlichkeit Jesu Christi“.

Wir haben allen Grund, heute aus der ganzen Liebe und Freude unseres Herzens mit Maria einzustimmen in ihren Lobgesang, der Ouvertüre und Finale, Anfangs- und Schlußlied zugleich ist in ihrem Leben: „Magnificat anima mea dominum - meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“ Wir tun es in dem festen Glauben, dass Gott auch an jedem von uns Großes getan hat durch das Erlösungswerk seines Sohnes.
Wir tun es, weil wir im Blick auf unsere mit Leib und Seele in den Himmel erhöhte hohe Frau und Mutter fest darauf vertrauen, dass Gott auch an uns einmal vollenden wird, was er in der hl. Taufe begonnen hat.

Und so bitten wir Gott, dass er uns als Glaubende zu Menschen der Hoffnung mache, die nicht in die Vergangenheit blicken, sondern eine Welt bauen, die für Gott offen ist – und das mit Gläubigkeit und Zuversicht, mit innerer Kraft und Stärke.
Wir bitten ihn, dass er uns als Glaubende und Hoffende zu freudigen Menschen mache, die mitten durch die Bedrängnisse des Alltags hindurch die Schönheit der kommenden Welt erblicken und aus solcher Hoffnung heraus leben, glauben und hoffen.