Augenblicke der Besinnung

Was ließ die heiligen Apostel und Märtyrer
schwere Kämpfe und härteste Strafen ertragen,
wenn nicht der Glaube,
vor allem an die Auferstehung.

Fidelis von Sigmaringen













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Grußwort von Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Caritaspräsident Prälat Dr. Peter Neher,
sehr geehrter Herr Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

vielen Dank für die Einladung zum Jahresempfang 2019 des Deutschen Caritasverbandes, den Sie im Rahmen des Caritaskongresses zum gesellschaftlichen Zusammenhalt heute feiern.

Als eine der Grundfragen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben Sie die Digitalisierung identifiziert. „Sozial braucht digital“, unter diesem Motto steht daher die Jahreskampagne 2019 der Caritas. Eine etwas überraschende Formulierung, könnte man auf den ersten Blick meinen. „Sozial braucht das Ehrenamt“ oder „Sozial braucht finanzielle Sicherheit“, diese Formulierungen sind sofort einleuchtend, aber „Sozial braucht digital“ im Sinne einer Notwendigkeit? Und doch haben Sie Recht. Wie nahezu jeder Bereich in unserer Gesellschaft, ist auch der soziale Bereich, die Wohlfahrtspflege, von der Digitalisierung erfasst und durchdrungen worden. Vieles ist ohne digitale Technik heute tatsächlich nicht mehr möglich oder nur unter erheblichen Wirkungsverlusten.

Wenige Themen werden so kontrovers diskutiert wie die Digitalisierung. Verheißungsvolle Zukunftsvisionen und -ängste liegen nah beieinander. Umso notwendiger ist es, über diese Themen, ihre Chancen und Risiken, zu diskutieren. Dies gilt gerade auch für den sozialen Bereich. Von daher ist es ein wichtiges Signal, dass Sie die digitale Transformation als ein zentrales Zukunftsthema aufgegriffen haben.

Ihr Motto lässt Fragen auf zwei verschiedenen Ebenen deutlich werden. Zum einen: Wie können die Digitalisierung und alle mit ihr einhergehenden technischen Neuerungs- und Umwandlungsprozesse im Bereich der Wohlfahrt sinnvoll nutzbar gemacht werden? Und zum anderen: Wie können die durch die Digitalisierung angestoßenen und beschleunigten Prozesse innerhalb unserer Gesellschaft in sinnvolle und soziale Bahnen gelenkt werden?

Die Digitalisierung ist grundsätzlich keine Bedrohung. Viel Positives ist durch sie entstanden und zu beobachten. Der einfache und direkte Kontakt von Menschen über alle Erdteile hinweg oder der leichtere Zugang zu Wissen und Erkenntnissen beispielsweise. Die Digitalisierung stellt uns alle aber auch vor große Herausforderungen. Die Grenzen des technisch Machbaren werden beständig neu gezogen. Vieles, was vor Jahrzehnten oder noch vor einigen Jahren nicht möglich erschien, ist inzwischen Realität oder zum Greifen nah. Tagtäglich spüren und sehen wir die Veränderungen, die die Digitalisierung in vielen Lebensbereichen mit sich bringt. Die Abschätzung von Folgen und Risiken oder die ethische Bewertung können mit dieser Geschwindigkeit oft nicht mithalten.

Die Digitalisierung ist aber kein Zweck, sie ist ein Mittel. Sie ist ein Instrument, um Freiheit und Chancen für alle Menschen zu fördern und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Sie sollte es zumindest sein und nicht zu Spaltungen zu führen. Um dies zu erreichen, ist ein breiter gesellschaftlicher Diskurs notwendig, an dem selbstverständlich auch die Kirche und die Caritas mitwirken sollen und wollen. Gerade als Wohlfahrtsverband ist es die Aufgabe und das Recht, vielleicht sogar die Pflicht der Caritas, an Gesellschaft und Politik Fragen zu stellen und nachzuhaken.

Im letzten Jahr hat die EU-Kommission eine „öffentliche Konsultation zur Sommerzeitregelung“ durchgeführt. Die Teilnahme daran war nur online möglich. Wer also keinen Internetzugang besaß oder mit den Anforderungen dieser digitalen Befragung nicht zurechtkam, war in dieser Frage von der Willenskundgabe ausgeschlossen. Ein Beispiel dafür, dass digitale Teilhabe zu einer Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe geworden ist. Was aber passiert mit den Menschen, die sich nicht auf die Digitalisierung einlassen können oder wollen? Denn 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind nach wie vor offline, das sind immerhin 12 Millionen Menschen. Was ist mit denen? Wie erhalten sie Teilhabe? Wer bindet sie ein und wie?

Gleichzeitig sehen wir, dass digitale Angebote intensiv angenommen werden. So können seit 2005 die etwa eine Million Wahlberechtigten Estlands per Klick abstimmen, statt am Wahltag in die Kabine zu gehen. Bei der Parlamentswahl vor drei Wochen (am 3. März) haben fast 44 Prozent derjenigen, die ihre Stimme abgegeben haben, dies online getan. Da liegt es nahe, dass die einfache Abgabe der Stimme von zuhause oder unterwegs aus mehr Menschen dazu motiviert, an der Wahl teilzunehmen.

Der Verzicht auf Onlinelösungen und -angebote wird sich in vielen Sektoren nicht halten lassen und erscheint mir nicht sinnvoll. Auch im Bereich der Caritas eröffnen digitale, niedrigschwellige Angebote neue und wichtige Kontaktmöglichkeiten für Ratsuchende. Ein Beispiel hierfür ist die Online-Beratung von jungen Menschen, die sich mit Suizidgedanken tragen. Das Projekt U25 erreicht Menschen, die vielleicht sonst nicht den ersten Schritt aus ihrer Krisensituation heraus machen würden.

Wichtig bleibt dabei, nicht vollständig auf das Analoge zu verzichten. Wenn auch der persönliche Gang auf Ämter und Behörden oft zeitraubend ist, sollten wir als Gesellschaft auf die Bereitstellung dieser Angebote nicht verzichten. Es braucht weiterhin Räume und Örtlichkeiten der Zusammenkunft wie Gemeindezentren, Pfarrheime oder öffentliche Bibliotheken. Ich bin überzeugt davon, dass die Menschen weiterhin ein Bedürfnis haben werden, sich nicht nur virtuell, sondern real zu begegnen. Genauso wichtig ist aber, bei den digitalen Angeboten im Vergleich zu den analogen keine qualitativen Abstriche zu machen.

Essenziell bei allen technischen Lösungen ist das Vertrauen der Nutzer in die Vorgänge und Ergebnisse. Es liegt in der Verantwortung der Anbieter digitaler Lösungen und Angebote, dieses Vertrauen herzustellen. Allzu oft wurde dies in der Vergangenheit enttäuscht. Daher ist auch der Staat in der Pflicht, wirksame Regelungen zu schaffen und sie dann auch durchzusetzen. In der Verantwortung der Anwender liegt es, sich so gut wie möglich mit den verwendeten Produkten auseinanderzusetzen. Denn um den digitalen Wandel mitgestalten zu können, müssen wir ihn zuerst verstehen. Wir alle, Kirche und Caritas, müssen weiterhin digitale Kompetenzen aufbauen.

  • Wir können sicher nicht jeden Algorithmus bis ins kleinste Detail aufschlüsseln, aber wir können uns einerseits kompetenten Rat einholen und andererseits unsere Sichtweisen und Anfragen in den Diskurs einbringen:
  • Was bedeutet es für die Freiheit des Menschen, wenn Maschinen uns Entscheidungen abnehmen?
  • Kommt beispielsweise der Algorithmus, den wir zur Krebsdiagnose und der daraus resultierenden Behandlungsempfehlung einsetzen zu dem Ergebnis, zu dem auch der Mensch gekommen wäre? Kommt er dazu schneller, vielleicht zu einem besseren? Oder kommt er zu dem Ergebnis, das für das Krankenhaus und die Versicherung am wirtschaftlichsten ist?
  • Lässt die Digitalisierung Raum für die Einzelfallentscheidung oder Abweichungen von der Norm aus Gründen der Barmherzigkeit?

Wir dürfen nicht an einen Punkt kommen, an dem wir nicht mehr die Maschinen an unsere Bedürfnisse anpassen, sondern wir uns umgekehrt deren Bedürfnissen anpassen. Daher stehen die Kirche und ihre Caritas vor der Aufgabe, diese Entwicklung so zu gestalten, dass unsere christliche Botschaft wirksam wird, dass der Mensch im Mittelpunkt steht, im Mittelpunkt bleibt oder wieder neu in den Mittelpunkt gerückt wird. Und zwar nicht nur die Kunden, die Klientinnen, die Patienten, sondern auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Denn als Dienstgeber sieht sich die Caritas vor die grundsätzlichen Fragen gestellt, die sich viele Unternehmen stellen müssen: Wie widersteht man den Verlockungen der totalen Überwachung der Beschäftigten und lässt ihnen Freiräume? Wo digitale Systeme dazu dienen, Fahrwege der ambulanten Pflege zu optimieren, können wir sicher von Vorteilen sprechen. Wo diese Systeme in minutiöse Überwachung der Beschäftigten ausarten, nicht mehr. Wichtig ist ein gesundes, ausgewogenes Verhältnis zwischen Vertrauen und Kontrolle, dessen Aushandlung die Beschäftigten mit einschließt. Auch in den Fragen der ständigen Erreichbarkeit und des Einflusses des „digitalen Büros“ auf die Freizeit der Beschäftigten stehen wir meines Erachtens noch nicht am Ende des Aushandlungsprozesses.

Die Digitalisierung bietet im sozial-caritativen Bereich viele Vorteile, die sie besser kennen und benennen können als ich. Entscheidend für den gewinnbringenden Einsatz ist es, Mitarbeitende in den neuen Techniken zu schulen, damit sie diese kompetent einsetzen und andere im Umgang mit ihnen beraten können. Dies ist keine einmalige Aufgabe, sondern fortwährende Herausforderung für Dienstgeber wie Dienstnehmer, auf dem Laufenden zu bleiben. Dafür braucht es ein Wirtschafts- und Bildungssystem, das dieses lebenslange Lernen ermöglicht und unterstützt.

Gleichzeitig gilt es, neue Beschäftigungs- oder Weiterbildungsmöglichkeiten für Menschen zu schaffen, deren Stellen durch die Digitalisierung nicht mehr in dem Umfang wie bisher benötigt werden. Jede wirtschaftliche und technologische Entwicklung hat auf dem Arbeitsmarkt ihre Spuren hinterlassen. Über die Auswirkungen der Digitalisierung gibt es unterschiedlichste Zahlen und Studien. Sicher ist, es wird große Veränderungen geben. Und diese rasch und rasant. Diese Vorgänge nicht einfach geschehen zu lassen und den Einzelnen seinem Schicksal zu überlassen, ist von immenser gesellschaftlicher Relevanz. Denn die Arbeit gehört auch zur Grundkonstitution des Menschseins: Etwas Werthaltiges, etwas Sinnvolles, etwas von Bedeutung zu schaffen. Nimmt man den Menschen dies, kann bei ihnen das Gefühl der Nutzlosigkeit entstehen, das Gefühl abgehängt zu werden. Zu arbeiten und von seiner Arbeit leben zu können, das Gefühl etwas zu tun, was für die Gemeinschaft und in der Gemeinschaft wichtig ist, bleibt weiterhin eine Säule der freien Gesellschaft, die aus vielen Richtungen bedroht wird und jede Stütze brauchen kann. Denn kein Mensch ist überflüssig: „Jeder ist gewollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht“, so hat es Papst Benedikt XVI. zu Beginn seines Pontifikats formuliert.

Der Deutsche Caritasverband besteht seit 121 Jahren. Er ist Teil einer wechselvollen Geschichte, der sich der DCV immer gestellt hat, und die er bis heute gut gemeistert hat. Das Motto Ihrer Jahreskampagne „Sozial braucht digital“ verstehe ich so: Wir als Caritas stellen uns der digitalen Welt. Wenn es um die gesellschaftlichen Herausforderungen in der digitalen Welt geht, wollen und werden wir dabei sein. Insofern muss sich die digitale Welt auch uns stellen. Diesen Weg weiterzugehen, kann ich Sie nur ermutigen.

Abschließend danke ich Ihnen und der gesamten Caritas für die vielfältige und unverzichtbare Arbeit, die Sie tagtäglich aus dem christlichen Menschenbild heraus an Menschen in Not, am Nächsten vollbringen. Sie verwirklichen damit auf das Lobenswerteste einen der Grundvollzüge unserer Kirche.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Die Beschäftigten der deutschen (Erz-)Bistümer haben eine hohe Verbundenheit zu ihren Dienstgebern und sind überwiegend zufrieden mit den angebotenen Leistungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Zentralinstituts für Ehe und Familie in der Gesellschaft (ZFG) der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU), die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz durchgeführt und heute in Eichstätt vorgestellt wurde. Für die Studie hat das ZFG die Mitarbeiter von 24 Bistümern befragt, welche Erwartungen sie hinsichtlich familienfreundlicher Leistungen ihrer Dienstgeber haben.

In einem ersten Forschungsschritt hatte das ZFG bereits 2015 für eine Bestandsaufnahme der familienfreundlichen Maßnahmen die verantwortlichen Personalreferenten sowie Führungskräfte, Mitarbeitervertreter und Gleichstellungsbeauftragte der (Erz-)Bistümer befragt. „Dabei zeigte sich, dass das Thema Familienfreundlichkeit in den Ordinariaten ernstgenommen wird. Die Mehrheit der Bistümer kann gute Ergebnisse vorweisen, wenn es um die Möglichkeiten der Arbeitszeitgestaltung, Angebote für Eltern und Elternzeit, Betreuungsmöglichkeiten für Kinder und Angehörige sowie Familienserviceangebote wie Rechtsberatung oder Informationsangebote geht“, erklärt ZFG-Direktor Prof. Dr. Klaus Stüwe. Dabei sei hervorzuheben, dass acht Ordinariate eine Gleichstellungsbeauftrage beschäftigen und neun (Erz-)Bistümer von der berufundfamilie Service GmbH als familienfreundliche Betriebe zertifiziert wurden. Den größten Handlungsbedarf zeigte die Bestandsaufnahme bei den Betreuungsmöglichkeiten für Kinder und pflegebedürftige Angehörige.

Die nun erfolgte Analyse der Bedürfnisse von Mitarbeitern bestätigt dies vor allem im Hinblick auf das Thema Pflege: „Der demographische Wandel als gesamtgesellschaftliches Phänomen wird das Thema Pflegebedürftigkeit auch für die Kirche als Arbeitgeber relevanter machen. Entsprechend könnte dies ein Handlungsfeld sein, dem künftig mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte“, betonte Erzbischof Dr. Heiner Koch (Berlin), Vorsitzender der Kommission für Ehe und Familie der Deutschen Bischofskonferenz, bei der Vorstellung der Studie. Die im Vergleich geringste Relevanz haben hingegen für die Befragten Leistungen bezüglich der Kinderbetreuung. „Eine Erklärung könnte sein, dass mehr als die Hälfte der Befragten keine minderjährigen Kinder (mehr) hat, da die Beschäftigten im Durchschnitt 45 Jahre alt sind“, erläuterte Jasmin Gotschke, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin des ZFG die Studie durchgeführt hat.

Von den 3.191 Personen, die sich bei der Befragung zum Thema Pflege äußerten, unterstützen 21,5 Prozent einen pflegebedürftigen Angehörigen. Die Tendenz ist steigend, da sich bei 34 Prozent der Beschäftigten ein pflegebedürftiger Angehöriger zumindest im familiären Umfeld befindet. Das Durchschnittsalter der Pflegenden beträgt 50,3 Jahre, auch wenn Beschäftigte jeden Alters Pflegebedürftige versorgen. 26,2 Prozent der Angestellten pflegen täglich Ange-hörige. Zusätzlich wurden die Mitarbeiter gebeten, sich zum Ausmaß ihrer subjektiven Pflegebelastung zu äußern. Knapp 40 Prozent gaben an, dass sich die Pflegesituation negativ auf ihre Gesundheit auswirkt. Ähnliche Aussagen lassen sich zur Belastung in Bezug auf die familiäre Situation treffen. Jeder Vierte (24 Prozent) äußerte, mit seiner jetzigen Pflegesituation nicht zurechtzukommen.

Unterstützung von Seiten der Dienstgeber zum Thema Pflege wünschen sich die Beschäftigten insbesondere in Form einer vorübergehenden Reduzierung der Arbeitszeit und Freistellung für die Pflege. „Hier sind die Bistümer und Erzbistümer gut aufgestellt und könnten den Bedarf der Mitarbeiter decken. Jedoch sind die Angebote einem Großteil der Beschäftigten offenbar nicht ausreichend bekannt“, so Jasmin Gotschke. Darüber hinaus ist es den Befragten wichtig, einen zentralen Ansprechpartner zum Thema Pflege in der Verwaltung zu haben und laufend aktuelle Informationen aus dem Themengebiet zu erhalten.

Das für die Beschäftigten mit Abstand bedeutendste Handlungsfeld – nicht nur im Hinblick auf die Pflege von Angehörigen – ist die flexible Gestaltung von Arbeitszeiten. Mit den Angeboten von verschiedenen Arbeitszeitmodellen und der Vielfalt der Arbeitszeitgestaltung sind die Beschäftigten durchaus zufrieden. Denn gerade starre Arbeitszeiten mit einer vorgeschriebenen Kernarbeitszeit erschweren je nach Lebenssituation eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Individuell vereinbarte Arbeitszeiten oder auch flexible Tages- und Wochenarbeitszeiten haben einen enormen Stellenwert für die befragten Angestellten.

Das ZFG fragte in seiner Studie auch die Relevanz und Zufriedenheit zu Leistungen rund um die Elternzeit sowie für Berufsrückkehrer ab. In allen an der Studie teilnehmenden
(Erz-)Bistümern wird eine Beschäftigung während der Elternzeit bzw. eine Elternzeit speziell für Väter ermöglicht. „Auch in diesem Feld bietet die katholische Kirche eine Vielzahl familienfreundlicher Leistungen. Ein Grund dafür, dass die Befragten in diesem Handlungsfeld dennoch eine mittlere Zufriedenheit angaben, könnte darin liegen, dass über die Hälfte der Beschäftigten äußerte, nur in geringem Maße über die Angebote informiert worden zu sein“, erklärte Jasmin Gotschke.

Im Rahmen der Studie sollten die Teilnehmer außerdem eine Einschätzung abgeben zu Aussagen wie: „Ich würde mich hundertprozentig wieder in diesem Bistum bewerben“ oder „Ich identifiziere mich mit den Werten und Zielen meines Unternehmens“. Aus den neun Antworten konnte ein sogenannter „Mitarbeiter-Commitment-Index (MCI)“ gebildet werden, der den Grad der Verbundenheit zum Dienstgeber angibt. Neben der Verbundenheit wurde auch die allgemeine Zufriedenheit der Beschäftigten mit dem Dienstgeber erhoben. Die Ergebnisse können sich durchaus sehen lassen: Zwei Drittel der Befragten sind mit ihrem Dienstgeber zufrieden, 72 Prozent fühlen sogar eine (hohe) Verbundenheit.


Hinweise:

Die Studie zur Zufriedenheit kirchlicher Mitarbeiter kann unterstehend als pdf-Datei sowie unter www.ku.de/zfg heruntergeladen werden.

Bischofskonferenzen von Deutschland, Schweiz und Frankreich debattieren in Paris

Mit einem eindringlichen Appell, das europäische Gemeinwohl nicht populistischen Tendenzen oder nationalstaatlichen Interessen zu opfern, ist gestern (26. März 2019) in Paris eine Tagung der Bischofskonferenzen von Frankreich, der Schweiz und Deutschland zu Ende gegangen. Unter dem Leitwort „Dialog über das europäische Gemeinwohl“ hatten seit gestern Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche über die Zukunft der europäischen Idee diskutiert. Mit der Konferenz war die Überzeugung verbunden, dass die Wiederbelebung des europäischen Projekts eine Neudefinition des Gemeinwohls voraussetzt.

Der Vorsitzende der Französischen Bischofskonferenz, Erzbischof Georges Pontier, betonte, dass angesichts des steigenden Einflusses nationalistischer Tendenzen in vielen Ländern die Skepsis gegenüber dem europäischen Projekt wachse. Deshalb müsse neu darum gerungen werden, was das europäische Gemeinwohl über den gemeinsamen Wohlstand hinaus ausmache. „Es wird notwendig sein, die traditionellen Werte Europas wie Frieden, Menschenwürde, Subsidiarität und Rechtsstaatlichkeit zu ergänzen um einen Wert der Einheit in Vielfalt. Eine Multipolarität ohne Dominanz macht das europäische Projekt wesentlich mit aus“, so Erzbischof Pontier. Skeptisch gegenüber dem Begriff des europäischen Gemeinwohls äußerte sich der frühere Bundesinnenminister Deutschlands, Thomas de Maizière (CDU): „Es ist an der Zeit, dass die Staaten Europas die Unterschiedlichkeit der nationalen Einzelinteressen anerkennen müssen. Das Gemeinwohl kann verlangen, dass bestimmte Interessen einzelner Staaten zurückstehen müssten.“ Solche Entscheidungen gebe es in der EU immer wieder, sagte de Maizière. Ein allgemein akzeptiertes einheitliches europäisches Gemeinwohl werde es so lange nicht geben, wie es kein „europäisches Volk“ gebe.

Während der Tagung wurde in den verschiedenen Diskussionen, an denen auch die ehemalige französische Verteidigungsministerin, Sylvie Goulard, und der frühere Präsident des italienischen Ministerrats, Enrico Letta, teilnahmen, die Entwicklung des Begriffs des europäischen Gemeinwohls seit der Schuman-Erklärung erörtert und nach aktuellen Formen der Rezeption eines europäischen Gemeinwohls gefragt. Hierbei stand eine Analyse der Ursachen für die Enttäuschung und das Desinteresse vieler Europäer an diesem Begriff im Vordergrund. Außerdem wurde immer wieder die kirchliche Sicht auf Europa hervorgehoben.

Der zweite Teil der Tagung war der Frage gewidmet, weshalb Europa seine Bürger nicht mehr inspiriere. Bischof Felix Gmür, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, leitete diesen Themenblock mit der Feststellung ein, dass die Teilnahme der Schweiz an diesem Anlass darauf hinweise, dass Europa mehr als die EU sei. Aus der Schweizer Geschichte könne die EU lernen, wie wichtig es sei, nicht ausschließlich nach dem Mehrheitenprinzip zu handeln sondern Minderheiten bewusst einzubeziehen. Denn wer konkret betroffen oder involviert sei, werde sich auch vermehrt interessieren, so Bischof Gmür.

Von einer „moralisch erhöhten Dichotomie“ sprach Prof. Dr. Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte an der Universität Mainz, und stellte fest, dass die politischen und kulturellen Differenzen innerhalb der EU größer seien als ursprünglich gedacht. Dies habe schließlich dazu geführt, dass der Eindruck einer Alternativlosigkeit entstanden und eine „ever closer union“ suggeriert worden sei. Dies habe dann schließlich als Gegenreaktionen zu gewissen Ressentiments und aufkeimendem Populismus geführt. Zum Abschluss plädierte er bei zentralen Themen wie Digitalisierung, Infrastruktur, Asyl, Migration und Grenzen für mehr flexible Formen, um zu verhindern, dass Demokratie nicht noch mehr zum Rückzug gedrängt werde. Prof. Dr. Georg Kohler, emeritierter Professor für politische Philosophie an der Universität Zürich, sah im aktuellen Verlauf der Brexit-Diskussionen, dass die EU wohl mehr unbekannte Leistungen für den Frieden und den Zusammenhalt in Großbritannien erbracht habe als bisher wahrgenommen. Für den Unmut in der Bevölkerung nannte er folgende Möglichkeiten: die EU wird als Sündenbock wahrgenommen, die EU hat zwar als Wirtschaftsraum Wachstum, aber auch neue Ungleichheiten generiert und die EU muss ständig ein Ungleichgewicht ausbalancieren, das die Staaten dadurch entstehen lassen, dass sie ihre eigenen Probleme nicht zu lösen vermögen. Für Gaël Giraud SJ, Chefökonom an der Agence fraçaise du développement, kann das Interesse der Bürgerinnen und Bürger wieder belebt werden, wenn die EU ihre historische Rolle in der ökologischen Transition wahrnimmt oder gezielt einen europäischen Föderalismus vorantreibt.

Im dritten Themenblock wurden mögliche Ansätze diskutiert, wie der europäische „Traum“ künftig aussehen könnte. Thomas Gomart, Direktor des Institut Français des Relations internationales, skizzierte aus geopolitischer Sicht die aktuelle Situation. Dadurch, dass die EU seit 1989 konsequent abgerüstet hat, während USA, Russland und China seither konsequent aufgerüstet haben, sei heute eine völlig neue Ausgangssituation entstanden. Die Erarbeitung einer europäischen strategischen Autonomie habe für ihn deshalb oberste Priorität. Für Gomart bestehe der europäische „Traum“ eher darin, den Weckruf der Realität zu hören.

Prof. Dr. Elena Lasida, Professorin für Wirtschaftswissenschaften und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats am Lehrstuhl für Gemeinwohl am Institut Catholique de Paris, plädierte in diesem Zusammenhang für einen wirtschaftlichen und ökologischen Paradigmenwechsel. Ausgehend von Laudato si’ führte sie drei Spuren aus, denen gefolgt werden könne: Beziehungen und gegenseitige Abhängigkeit („alles ist verbunden“), Gegenseitigkeit und Kostenfreiheit („alles ist geschenkt“) sowie Erzeugung und Schaffung anstelle von Produktion („alles ist zerbrechlich“).

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, rief dazu auf, Europa mit Leidenschaft und Augenmaß täglich neu zu erarbeiten. Die Formulierung von Jean Monnet, Europa solle ein Beitrag für eine bessere Welt sein, sei eine einfache, aber tiefgreifende Forderung, die sich heute aktueller denn je darstelle. „Daran müssen wir uns messen lassen, auch als Kirche“, so Kardinal Marx. Es gehe in Europa um ein Gemeinwohl, für das alle sich einsetzen müssten. Das sei auch ein Auftrag der Christen, dem sich niemand entziehen könne. „Hier ist die ganze Menschheitsfamilie gefordert. Als Christen haben wir einen Auftrag in die Welt hinein. Wir dürfen die Welt nicht sich selbst überlassen, sondern sind aufgerufen, sie aktiv mitzugestalten“, sagte Kardinal Marx. Christsein bedeute auch, Europäer zu sein: „Europäisches Engagement ist universelles Engagement und muss für einen Christen selbstverständlich sein.“ Dieses Engagement, so Kardinal Marx, müsse alle Ebenen umfassen und den Horizont aller Menschen berücksichtigen, vor allem der kommenden Generationen. Dazu gehörten die Frage nach dem Frieden, der verantworteten Freiheit, der Verantwortung für das gemeinsame Haus der Schöpfung und die Bewältigung der digitalen Revolution. Papst Franziskus nenne das eine „neue Fortschrittsidee“. „Ich hoffe sehr, dass die Christen nicht ein Teil des Problems in der europäischen Debatte sind, sondern ein Teil der Lösung. Das wollten wir mit dieser Konferenz in Paris unterstreichen“, sagte Kardinal Marx.


Hintergrund

Zur Konferenz „Dialog über das europäische Gemeinwohl“ hatten der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx (München und Freising), der Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, Bischof Felix Gmür (Basel), und der Vorsitzende der Französischen Bischofskonferenz, Erzbischof Georges Pontier (Marseille) eingeladen. Seit 2015 organisieren die Vorsitzenden dieser Bischofskonferenzen alle zwei Jahre ein Treffen zu einem aktuellen Thema, das für die drei Länder von Bedeutung ist. Das erste Treffen fand 2015 in Rom mit Blick auf die Familiensynode statt, das zweite 2017 in Berlin zum Thema Migration.

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